5. Mai 2026: Europäischer Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung

Menschenrechte sind nicht verhandelbar

Seit mehr 30 Jahren ist der 5. Mai europaweit ein Protesttag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Rund um diesen Tag machen Verbände, Initiativen und Betroffene sichtbar, wo Inklusion gelingt – und wo noch nicht. Unterstützt von der Aktion Mensch, die das Engagement bündelt und jährlich ein Motto setzt, steht 2026 unter dem Leitgedanken: „Menschenrechte sind nicht verhandelbar.“

In diesem Jahr stehen im Mittelpunkt unseres Protestes vor allem die politischen Diskussion über Einsparungen im Sozialbereich und veränderte Rahmenbedingungen, sie bedrohen bereits erreichte Fortschritte. Aber auch politische Äußerungen am rechten Rand unserer Gesellschaft werden lauter und stellen Inklusion in Frage. Deshalb müssen wir unsere Stimme heben und betonen: Teilhabe ist ein Menschenrecht!

Im Rahmen des Protesttages ist ein inklusives Reporterinnen-Team in der Region unterwegs: Die freie Journalistin Anna Petra Thomas reiste gemeinsam mit Maike Feddersen, Mitarbeiterin mit Behinderung in der Öffentlichkeitsarbeit der Lebenshilfe Heinsberg durch die Region. Gemeinsam besuchen sie Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten – und erzählen ihre Geschichten.

Ihre Perspektive ist inklusiv: Hier wird nicht über Menschen mit Behinderung berichtet, sondern gemeinsam mit ihnen.

Das inklusive Journalisten-Team, das die Interviews vor Ort gemeinsam erarbeitet hat: Maike Feddersen von der Lebenshilfe Heinsberg und Anna Petra Thomas, freie Journalistin.

Zuhören schafft Teilhabe

Alle Storys jetzt hier ⬇️ erleben – lesen hören, anschauen!

David hat seinen Traumjob gefunden

Ich bin sehr zufrieden.

David Uwaoma

David Uwaoma

arbeitet im Museumscafé Samocca

“Mir macht es Spaß, mit Menschen zu arbeiten, zu kellnern. Schöne Kontakte …“, sagt David Uwaoma. Er ist Mitarbeiter im Café Samocca der Lebenshilfe Heinsberg. Das Café befindet sich gleich neben dem Museum Begas Haus am Heinsberger Torbogen. Wer den jungen Mann hier trifft, spürt gleich, dass dieser Platz hier für ihn viel mehr als Arbeit ist. Der 23-Jährige klingt begeistert, wenn er von seiner Arbeit erzählt. Immer ein Lächeln auf dem Gesicht, strahlt er mit seiner roten Brille einfach Fröhlichkeit aus. Damit steckt er die anderen Menschen, die hier zu Gast sind oder die hier arbeiten, regelrecht an.

Gerade mal 23 Jahre alt ist David Uwaoma. Vorher hat er in der Schreinerei der Lebenshilfe in Oberbruch gearbeitet. Das hat ihm auch Spaß gemacht, wie er sagt. Ein Zufall war es dann, dass er das Café kennenlernte. Er half dabei, eine reparierte Bank gegen Ausgrenzung wieder zurückzubringen ins Café. „Ich hab‘ das hier entdeckt“, strahlt er. David Uwaoma nahm seinen Mut zusammen und fragte seine Chefin. Sein Wunsch, künftig im Café Samocca zu arbeiten, wurde schnell erfüllt.

Seit dem 22. September 2025, das weiß er genau, arbeitet er jetzt hier im Café. „Zuerst habe ich in der Küche gearbeitet“, berichtet er. David Uwaoma half dabei, das Frühstück für die Gäste vorzubereiten. Jetzt arbeitet er im Service und freut sich auf jeden Kontakt, den er mit Menschen hat. Die Arbeit ist anders als in der Schreinerei, hat er festgestellt. „Hier gibt es auch Wochenend-Dienste“, erklärt er. Diese Dienste machen ihm aber nichts aus, weil ihm die Arbeit Spaß macht.

Aber noch mehr hat sich verändert im Leben von David Uwaoma. Inzwischen ist er in eine eigene Wohnung nach Wassenberg gezogen. Hier hilft eine Betreuerin, wenn er Hilfe braucht. „Einkaufen, Papiere oder Internet“, zählt er Beispiele auf. Auch beim Vertrag für das Fitness-Studio hat sie ihm geholfen. Dort geht David Uwaoma allein hin. Und auch den Weg zur Arbeit schafft er ohne Hilfe. „Wenn schönes Wetter ist mit dem Fahrrad, wenn es regnet mit dem Bus.“ In seiner Freizeit trifft er sich mit Freunden oder besucht seine Pflegeeltern mit dem Bus. Auch eine Freundin habe er gefunden, erklärt er fröhlich und doch ein bisschen scheu. Sie arbeitet wie er im Café Samocca.

Eigentlich ist David Uwaoma rundherum glücklich. Bei der Frage, was noch besser sein könnte, hat er jedoch einen Wunsch: „Ich möchte wie die anderen Menschen behandelt werden, die auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten“, sagt er. „Ich möchte mehr Geld verdienen.“ Auf die Frage, wie seiner Meinung nach Inklusion schon umgesetzt ist in Deutschland, antwortet David Uwaoma: „90 Prozent. Ich bin sehr zufrieden!“

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Zu Besuch bei Familie Senftleben aus Geilenkirchen

Wir bauen unser Leben um Emma herum.

Familie Senftleben

Familie Senftleben

in Geilenkirchen wünscht sich mehr Unterstützung für Familien

Emma ist immer unterwegs, und das am liebsten im Garten ihrer Familie in Geilenkirchen. Dazu gehören noch Mutter Sandra und Vater Oliver, ihr zwei Jahre älterer Bruder Paul und der sieben Jahre jüngere Bruder Max. Die Neunjährige hat zunächst die Kita Triangel in Bauchem besucht. Jetzt ist sie Schülerin der Rurtalschule in Oberbruch. Dorthin fährt sie mit dem Bus. „Das hat Emma auch sofort akzeptiert“, freut sich die Mutter.

Dazu braucht Emma viel Unterstützung durch Therapien: Physio- und Autismustherapie, Logopädie und Ergotherapie. Hinzu kommt die Reittherapie. Diese müssen die Eltern jedoch selbst zahlen. „Alle Therapeuten arbeiten Hand in Hand“, erzählt die Mutter. „Das klappt sehr gut.“

Emma selbst kann uns nichts erzählen. Sie spricht nicht. Dafür berichten uns die Eltern von so einigen Problemen, die in ihrem Familienalltag mit Emma noch nicht gelöst sind. Das fängt schon mit den Windeln an, die Emma ihr ganzes Leben lang brauchen wird. „Wir müssen die nehmen, die wir bekommen“, sagt die Mutter. „Mal sind sie zu groß, mal zu klein.“ Abhilfe schafft da nur der Tausch von Windeln mit anderen Eltern. „Wir haben ein riesiges Windelproblem!“, betont Sandra Senftleben. Und das setzt sich in der Mülltonne fort. Hier würde sie sich ein Entgegenkommen der Stadt für die Abfallmenge wünschen, die jede Woche allein durch Emmas Windeln zusammenkommt. Die Mutter hat inzwischen ein Netzwerk für Eltern gegründet, dem bereits 150 Familien angehören.

Aber auch mit vielen anderen Hilfsmitteln gibt es Probleme. So hat die Familie zum Beispiel zwei Taster beantragt, über die Emma mit einem Ja auf dem einen Taster oder einem Nein auf dem anderen ihre Entscheidungen mitteilen kann. „Uns wurde aber nur ein Taster genehmigt. Das zermürbt“, sagt die Mutter. „Es wäre doch besser, wenn die Eltern angehört würden zu dem, was sie für ihr Kind brauchen. Wir wären doch froh, wenn wir sie nicht benötigen würden“, fügt sie traurig hinzu. Viele weitere Beispiele können sie und ihr Mann nennen, wenn es etwa um ein Fahrrad für Emma oder einen zweiten Autositz geht.

Aber auch an gesellschaftlicher Akzeptanz fehlt es Sandra und Oliver Senftleben für ihr Leben mit Emma. Das fängt für sie schon mit dem Besuch beim Arzt an. Wartezeiten sind für die Eltern problematisch. Sie könnten für Emma im Wartezimmer Panik auslösen. „Schön wäre ein kleines Gerät, das einfach vibriert, wenn wir an der Reihe sind“, so die Mutter. „Dann könnten wir auch draußen oder bei Regen in unserem Auto warten.“

Direkte Ablehnung erfahre die Familie nicht, fährt sie fort. „Die Menschen sind nicht unfreundlich, aber wir gehören einfach nicht dazu. Viele Familien ziehen sich zurück, sind distanziert. Die Welt ist noch nicht so offen. Letztendlich ist aber doch jedes Kind individuell.“

Ihr Freundeskreis habe sich mit Emma gewandelt, so die Erfahrung der Eltern. Aber auch bei Arbeitgebern vermisst Sandra Senftleben Flexibilität. Sie arbeitet inzwischen selbstständig mit ihrem mobilen Büro-Service. „Ich baue mein Leben um Emma und die Kinder herum“, erklärt sie. „Wenn wir beide angestellt wären, müssten wir uns mit Blick auf die Ferientage der Schule abwechseln und könnten gar nicht gemeinsam Urlaub machen“, fügt sie hinzu. Auf die Frage, wie ihrer Meinung nach Inklusion schon umgesetzt ist in Deutschland, antwortet Sandra Senftleben: „33 Prozent. Junge Familien brauchen mehr Unterstützung in unserer Gesellschaft.“

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Sascha und Viviane Schulz aus Heinsberg

Da sind noch Mauern in den Köpfen der Menschen.

Viviane und Sascha Schulz

Viviane und Sascha Schulz

Gücklich verheiratet und Kollegen in der Werkstatt.

Vor 18 Jahren haben sich Sascha und Viviane Schulz in der Werkstatt der Lebenshilfe kennengelernt. 2012 haben sie geheiratet. Seitdem leben sie mit ihren Rollstühlen als ständigen Begleitern ihr eigenes Leben in einer gemeinsamen Wohnung in Heinsberg. In ihrer kleinen privaten Welt des Betreuten Wohnens sind sie rundherum glücklich, ebenso wie in der Werkstatt. Hier arbeitet Sascha Schulz schon seit mehr als 30 Jahren in der Elektroabteilung. Viviane ist seit 19 Jahren in der Verpackung tätig. Seit kurzem engagiert sich die 36-Jährige zudem als Frauenbeauftragte für mehr als 600 Mitarbeiterinnen in der Werkstatt.

Wenn die beiden diese „Inseln“ von Wohnung und Werkstatt verlassen müssen, stoßen sie als Rollstuhlfahrer jedoch immer noch auf Barrieren. „Auch wenn hier in Heinsberg schon vieles besser geworden ist“, sagt Viviane Schulz. „Wenn es auch noch so einige Hürden gibt, geben wir zwei aber nicht so schnell auf“, fügt sie gleich selbstbewusst hinzu. Und sie erntet dafür mit Nicken eine Zustimmung von ihrem 49 Jahre alten Ehemann. Beide erinnern sich da noch an den Vorabend ihrer Hochzeit, wo das Standesamt von ihnen noch ganz kurzfristig vor ihrer Trauung eine ärztliche Bescheinigung verlangte.

Viele Bürgersteig-Kanten seien in der Stadt auch heute immer noch zu hoch, zu schmal oder auch zu schräg für ihre Rollstühle, erzählt Viviane Schulz weiter. „Und manchmal liegt dann auch mal ein Kabel mitten auf der Straße“, beschreibt sie ein für laufende Menschen kleines, für die beiden als Rollstuhlfahrer aber nur schwer überwindbares Hindernis.

Doch auch Schlimmeres ist ihnen schon passiert. Einmal sei der Elektro-Rollstuhl ihres Mannes beim Überqueren der Straße mitten auf der Straße einfach stehengeblieben. „Und niemand hat geholfen“, erzählt sie. Letztlich eilten ihnen die Eltern zu Hilfe, die sie telefonisch erreichen konnten. Mehr noch als diese technischen Probleme sind es aber die echten Beleidigungen, die beiden sichtlich sehr nahe gehen.

Sascha Schulz kann nur sehr schwer sprechen, was vor allem ihm immer wieder negative Kommentare einbringt. „Beib´doch lieber zu Hause. Das kann man doch der Gesellschaft nicht zumuten“, hat er da schon gehört. „Sei froh, dass Du heute geboren bis. Früher wärst Du vergast worden“, fügt er traurig hinzu und sagt: „Das sind so Sätze, die bleiben im Kopf. Da ist es egal, wie lange das her ist.“ Seine Frau spricht da von unsichtbaren Mauern, die es noch in den Köpfen von Menschen gebe.

Für die Zukunft wünschen sich die beiden nicht nur, dass diese Mauern verschwinden. Sie möchten auch, dass sie mit ihrer Arbeit, die sie in der Werkstatt der Lebenshilfe leisten, in der Gesellschaft gesehen werden. „Wir tun unsere Arbeit wie jeder andere Mensch auch“, betont Viviane Schulz. Auf die Frage, wie seiner Meinung nach Inklusion schon umgesetzt ist in Deutschland, antworten Sascha und Viviane Schulz: „50 Prozent – da ist noch Luft nach oben…“