Ein Praktikum, das Perspektiven verändert:
Jugendliche entdecken die Arbeitswelt der Lebenshilfe
Wie sieht der Arbeitsalltag von Menschen mit Behinderung aus? Welche Chancen bietet Teilhabe am Arbeitsleben – und was bedeutet es, gemeinsam zu arbeiten? Antworten auf diese Fragen erhalten Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Exkursionsprogramms der Werkstätten der Lebenshilfe Heinsberg für weiterführende Schulen im Kreis Heinsberg.
Seit zwei Jahren lädt die Lebenshilfe Schulklassen ab der Jahrgangsstufe 9 ein, einen Tag lang die Werkstätten kennenzulernen. Ziel ist es, jungen Menschen frühzeitig Einblicke in die Lebens- und Arbeitswelt von Menschen mit Behinderung zu ermöglichen und Berührungsängste abzubauen. Das Konzept ist praxisnah: In kleinen Gruppen arbeiten die Schülerinnen und Schüler am Vormittag für rund zwei Stunden in unterschiedlichen Bereichen der Werkstätten mit. Sie werden von Mitarbeitern mit Behinderung angeleitet, übernehmen einfache Aufgaben und erleben den Arbeitsalltag unmittelbar. Nach einem gemeinsamen Mittagessen folgt ein Austausch mit pädagogischen Fachkräften. Dabei geht es um persönliche Eindrücke, Fragen rund um Behinderung und Teilhabe sowie um gesellschaftliche Themen wie Ausgrenzung, Vielfalt und Verantwortung.
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Wie nachhaltig dieser Perspektivwechsel sein kann, zeigen die beiden Schülerinnen Jill Lambertz (14) und Lena Meuser (15). Nach ihrem Exkursionstag entschieden sich beide, jetzt ein dreiwöchiges Praktikum in der Werkstatt in Oberbruch zu absolvieren.
„Ich kannte die Lebenshilfe schon durch meine Mutter, aber durch den Exkursionstag habe ich erst richtig gesehen, wie die Arbeit hier abläuft“, erzählt Jill Lambertz. „Mir hat besonders gefallen, wie offen und freundlich alle sind. Man fühlt sich direkt willkommen.“
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Im Praktikum unterstützen die Schülerinnen die Beschäftigten bei ihren Aufgaben – immer mit dem Ziel, deren Selbstständigkeit zu stärken. „Es geht nicht darum, alles abzunehmen, sondern gemeinsam zu arbeiten“, sagt Jill. „Man hilft dabei, dass der Alltag gut gelingt.“
Auch Lena Meuser war zunächst vor allem neugierig. „Ich wollte einfach wissen, wie die Arbeit mit Menschen mit Behinderung wirklich ist, weil man das im Alltag ja kaum mitbekommt“, sagt sie. Ihre Erwartungen wurden schnell übertroffen: „Die Menschen hier sind total offen. Sie kommen auf einen zu, erzählen von sich und freuen sich einfach, dass man da ist.“
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Besonders prägend sind für beide die zwischenmenschlichen Begegnungen. „Ein Moment, der mir im Kopf geblieben ist, war, als mir jemand aus der Gruppe gesagt hat, dass er mich mag“, berichtet Jill. „Das hat mich richtig berührt.“ Teilhabe am Arbeitsleben heißt vor allem, den Gruppenalltag gemeinsam zu gestalten. Dabei geht es nicht nur um die Arbeit: Gemeinsam mit Paula, Mitarbeiterin der Gruppe, hat Jill einen Kuchen für die Kollegen gebacken: „Das hat richtig Spaß gemacht!“
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Für Lena sind es die vielen kleinen Gesten im Alltag: „Am schönsten ist es morgens, wenn man begrüßt wird, manchmal sogar mit einer Umarmung. Da merkt man einfach, wie herzlich es hier ist.“
Die Erfahrungen haben bei beiden einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Ich könnte mir auf jeden Fall vorstellen, später in diesem Bereich zu arbeiten“, sagt Jill. „Es macht einfach Spaß, mit den Menschen zu arbeiten und ihnen einen schönen Tag zu ermöglichen.“
Auch Lena denkt bereits weiter: „Ich könnte mir vorstellen, später mehr Verantwortung zu übernehmen, vielleicht als Gruppenleiterin. Es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Menschen sind und wie man Aufgaben an ihre Fähigkeiten anpassen kann.“
Die große Nachfrage nach Praktikumsplätzen zeigt, wie wichtig solche Einblicke sind. Rund 150 Praktikantinnen und Praktikanten kommen jedes Jahr in die Einrichtungen der Lebenshilfe Heinsberg, 30 Schüler haben sich im vergangenen Jahr nach ihrer Schulexkursion für ein Praktikum bei der Lebenshilfe beworben, um soziale Berufsfelder näher kennenzulernen. Neben den Werkstätten gehören dazu fünf inklusive Kindertagesstätten, neun Wohnhäuser sowie zahlreiche ambulante, Freizeit- und Bildungsangebote. Insgesamt begleitet die Lebenshilfe rund 2.500 Menschen mit Behinderung im Kreis Heinsberg.
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„Viele junge Menschen entscheiden sich bewusst für ein Praktikum bei uns, weil sie Verantwortung übernehmen und sich gesellschaftlich einbringen möchten“, erklärt Martina Cüppers, die die Exkursionen koordiniert. „Das ist ein wichtiger Schritt – denn die Jugendlichen von heute sind die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger von morgen. Je früher sie Einblicke in soziale Arbeitsfelder erhalten, desto besser können sie unsere Gesellschaft aktiv mitgestalten.“
Interessierte Schülerinnen und Schüler finden weitere Informationen zum Praktikum auf der Webseite der Lebenshilfe Heinsberg: www.lebenshilfe-heinsberg.de/praktikum