Seit 35 Jahren leben Menschen mit Behinderung in der Wohnstätte der Lebenshilfe Heinsberg an der Stapperstraße in Kirchhoven. Das Jubiläum ist Anlass für Bewohner, Eltern und Angestellte der ersten Stunde, ihre gemeinsame Geschichte Revue passieren zu lassen.

Die Wohnstätte war das frühere Rathaus der Amtsgemeinde Karken/ Kempen/ Kirchhoven. „Wir sitzen hier im alten Ratssaal der früheren Amtsgemeinde“, erinnert sich der ehemalige Lebenshilfe-Geschäftsführer Jürgen Rosenthal. „Die Lebenshilfe konnte das Gebäude aus dem Jahr 1968 günstig erwerben, da es im Zuge der kommunalen Neugliederung aufgegeben wurde. Die Nachfrage nach betreutem Wohnraum für Menschen mit Behinderung war seit Eröffnung unserer ersten Wohnstätte in Wildenrath 1978 ständig gewachsen.“ Entscheidend für den Standort in Kirchhoven war aber weder die Lage noch der Kaufpreis, so Jürgen Rosenthal, sondern der Rückhalt innerhalb der Bevölkerung. „Und das ist bis heute so geblieben!“

Der damalige Geschäftsführer und Familienvater nahm oft seinen Sohn Thomas mit zur Baustelle. „Thomas fuhr gerne mit. Er wohnte damals noch bei uns zu Hause“ erinnert sich Ehefrau Trude Rosenthal. „Uns Eltern war klar, dass Thomas aufgrund seiner Behinderung irgendwann auch einen Wohnheimplatz benötigt. Weil er gerne mit nach Kirchhoven fuhr, entwickelte sich das Haus für uns auch persönlich zu einem interessanten Objekt als neues Zuhause für Thomas.“ Noch bevor der Kirchhovener Umbau fertiggestellt war, wurde ein Gebäudeteil bereits vorzeitig bezogen. „Unser Pflegevater verstarb plötzlich, und wir Kinder wussten, dass es jetzt schwierig wird, in Dahlheim weiterhin wohnen zu können“, erinnert sich Willi Doppstadt. Gemeinsam mit anderen Pflegekindern mit Behinderung zog der damals Jugendliche nach Kirchhoven um. Nicht nur Küche, Schlaf- und Wohnzimmer mussten kurzfristig hergerichtet werden, auch Personal schnell gefunden werden. „Das Arbeitsamt vermittelte mir damals die Stelle in Kirchhoven“ erinnert sich Mechthild Leinders zurück. „ Ob ich mit erwachsenen Menschen mit Behinderung arbeiten kann, beschäftigte mich schon. Aber das war schnell vorbei, denn die Menschen wuchsen mir wegen ihrer liebevollen Offenheit schnell ans Herz.“

Den Begriff Inklusion kannte man damals noch nicht, stellt Elisabeth Gelissen fest, die ebenso wie Mechthild Leinders 1981 im Betreuungsdienst angefangen hat. „Wir haben einfach Gemeinschaft gelebt. Wir gingen kegeln, besuchten die Dorffeste und pflegen die Kontakte zu den Mitbürgern bis heute. Und wenn wir beim Dorffest nicht gesehen werden, fragt man gleich nach, wo wir denn waren.“ Ein Highlight für alle Bewohner war der Vogelschuss 2012, als Willi Doppstadt Schützenkönig wurde und die ganze Wohnstätte ein Jahr lang im Mittelpunkt des Dorfgeschehens stand. „Das war ein Fest! Und alle haben mitgeholfen beim Schmücken der Stapperstraße, am Kirmessonntag war das ganze Dorf bei uns zu Gast“, freut sich Willi Doppstadt noch heute.
Die Wohnstätte hat sich mittlerweile zu einem neuen Zuhause und Lebensmittelpunkt für 35 Menschen mit Behinderung entwickelt. Viele Freundschaften aber auch Liebesbeziehungen haben sich hier gefunden. So hat Rosi Icks Ihren Freund Franz Leinders in der Lebenshilfe-Werkstatt kennengelernt, und sie war glücklich, als ihr Freund auch einen Wohnplatz in  Kirchhoven erhielt. Mittlerweile ist ihr Freund pflegebedürftig, wie Wohnstättenleiter Swen Backes anmerkt, „aber alle hier engagieren sich dafür, dass er in seinem Zuhause bleiben kann.“

Für die Zukunft wünscht sich Trude Rosenthal, dass Ansporn und Vereinsidee der Gründerjahre auch in Zukunft erhalten bleiben. „Wir sind eine Solidargemeinschaft, in der sich jeder einbringen kann. Fachkräfte und Angehörige praktizieren den gemeinsamen Austausch und nehmen die jeweils andere Perspektive wahr. Ich wünsche mir, dass das auch in Zukunft so bleibt zum Wohle unserer Kinder und der uns anvertrauten Menschen.“

Erinnerten sich zurück an 35 gemeinsame Jahre in der Wohnstätte Kirchhoven – v.li.: Bewohnerin Rosi Icks, Leiter Swen Backes, ehemalige Angestellte Mechthild Leinders, Trude Rosenthal, ehemalige Lebenshilfe-Geschäftsführer Jürgen Rosenthal, Angestellte Elisabeth Gelissen, Bewohner Willi Doppstadt