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Mit dem 9. Schulrechtsänderungsgesetz von 2013 wird gemeinsames Lernen von Schülern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf zum gesetzlichen Regelfall in NRW.

Dafür haben sich auch Eltern von Kindern mit Behinderung jahrelang engagiert. Dennoch sorgen sich betroffene Eltern um die schulische Zukunft ihres Nachwuchses im Kreis Heinsberg. „Sind die Regelschulen wirklich vorbereitet auf unsere Kinder?“ fragen sich Eltern, deren Kinder zurzeit die integrativen Kindertagesstätten der Lebenshilfe Heinsberg in Geilenkirchen und Oberbruch besuchen. Mit ihren Fragen, Sorgen und Vorbehalten gegenüber der inklusiven Beschulung sind sie zum Landtag nach Düsseldorf gefahren und haben dort Dr. Ruth Seidl MdL sowie die schulpolitische Sprecherin und Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Sigrid Beer MdL, getroffen. Die aus dem Kreis Heinsberg angereisten Eltern stellten klar: Es ist ein großer gesellschaftlicher Entwicklungsschritt, dass sich Regelschulen öffnen und Kinder mit Behinderung heute die Chance erhalten, ganz normal und gemeinsam mit anderen Kindern ohne Beeinträchtigung die Schule besuchen können. „Aber welche Schule und welche Pädagogen sind auf die Bedürfnisse und Herausforderungen unserer Kinder mit teils schwerer Behinderung oder Verhaltensauffälligkeiten vorbereitet?“ fragt David Dietrich, der seine Situation ausführlich schilderte. Der Geilenkirchener Familienvater habe seinen Sohn Aaron zunächst in einem Regelkindergarten angemeldet, jedoch habe das herausfordernde Verhalten seines Sohnes die Erzieherinnen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. „Die integrative Kindertagesstätte Geilenkirchen hat unseren Sohn schließlich aufgenommen. Hier hatte er seinen Platz in der Intensivgruppe Rudi Rabe gefunden. Eine kleine Gruppengröße und speziell geschulte Pädagoginnen haben die Entwicklung unseres Sohnes maßgeblich beeinflusst.“ Heute besucht Aaron die Janusz-Korczak-Schule in Geilenkirchen-Beek mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Die Schule biete seinem Sohn den richtigen Rahmen und die Pädagogen haben viel Erfahrung und den geeigneten Raum, um ihn zu fördern. „Doch was geschieht mit Aaron, wenn die Schule aufgelöst wird? Wird er in einer Regelschule untergehen, weil Leistungsdruck, Gruppengröße und eine weniger intensive Betreuung ihn überfordern werden?“ Manche Eltern seien bereits überfordert, wenn sie vor der Schulwahl für ihre Kinder stehen. Nicole und Dirk Sieberichs schilderten die unterschiedlichen Empfehlungen der Fachleute: „Wenn ihnen das Gesundheitsamt nach der Schuluntersuchung die Rückstellung ihres Kindes empfiehlt, das Sozialpädiatrische Zentrum durchaus eine Förderung in der Regelschule vorschlägt und die Regelschule eher einen Förderschule empfiehlt, dann stehen Sie als Eltern vor einer Entscheidung, die Sie letztendlich alleine treffen müssen, weil die Unterstützung der Fachleute mehr verunsichere als Klarheit bringe. Ob den Eltern überhaupt noch eine Wahlfreiheit bliebe, wenn Förderschulen sukzessive geschlossen werden, merkte Carolina Sauerwein an, für die als Mutter eines Kindes mit Behinderung eine bestmögliche Förderung ihres Kindes wichtiger ist als eine inklusive Beschulung. „Unserem Schulsystem fehlt ein Qualitätsmanagement, so wie es in außerschulischen Einrichtungen wie auch in der Lebenshilfe Heinsberg längst standardisiert ist“, sagt Monika Kohnen, Vorstandsmitglied der Lebenshilfe Heinsberg. „Ich sehe keine solchen klaren Konzepte in Regelschulen.“ Inklusion sei kein Zustand sondern ein Prozess, der gerade erst beginne, versuchte Sigrid Beer die Gäste aus Heinsberg zu bestärken. Es sei wichtig, das bestehende Schulsystem langfristig und nachhaltig für den gemeinsamen Unterricht umzubauen. Deshalb seien keine generellen Schließungen von Förderschulen geplant, andererseits haben die Bezirksregierungen umfassende sonderpädagogische Fortbildungsmöglichkeiten für die Regelschul-Pädagogen in NRW entwickelt. Zudem müsse man auf das Know-How der Elementarpädagogik zurückgreifen. „Die Konzepte der integrativen Kindertagesstätten sollen mit einfließen in die weiterführende Bildung. Die guten Erfahrungen, die Sie in den Einrichtungen der Lebenshilfe gesammelt haben, müssen weitergetragen werden.“ Das sei nur durch eine Vernetzung möglich, die in manchen Regionen in NRW bereits stattgefunden habe. Dr. Ruth Seidl sieht heute schon auch im Kreis Heinsberg gute Beispiele erfolgreicher Förderung von Kindern mit Behinderung in Regelschulen wie in Wassenberg-Birgelen. Die Unsicherheiten der Eltern müssten aus dem Weg geräumt werden, vielleicht könne ein Netzwerk aus Eltern, Politik und sozialen Einrichtungen im Kreis Heinsberg mit einem Punkteplan die wesentlichen Fragen, Forderungen und grundsätzlichen Bedarfe erarbeiten. Zudem könne eine Inklusions-Fachberatungsstelle wie sie in anderen Städten und Gemeinden bereits installiert sei Vorbild für unsere Region werden. „Wir sind in einer Bruchsituation, in der wir konsequent den Weg in Richtung Inklusion weitergehen müssen.“